|
Der Marktprozess -
Das Menschenbild des ‚Homo agens‘
Wenn man die Akteure in der Marktprozesstheorie betrachtet, erkennt man einen wesentlichen Unterschied zu neoklassischen Theorie. Der ökonomisierende Mensch, wie ihn die orthodoxen Markttheorien beschreiben, kann immer nur seine vorhandenen Mittel seinen (bereits gegebene) Zielen anpassen, dass bedeutet aber, dass diese Mittel und Ziele immer schon vorhanden sein müssen. Er hat nur in soweit Gestaltungsmöglichkeit (wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt davon sprechen kann), als das er eine optimale Entscheidung in dem gegebenen Rahmen trifft (vgl. Rese, 2000, S. 72).
Mises wandte sich in seinen Ausführungen von diesem Bild eines „homo oeconomicus“ ab und erschuf das Menschenbild des „homo agens“, der die Akteure im Marktprozess besser beschreiben sollte und der wirklichen Welt ein großes Stück näher kam. Dieser „homo agens“ handelt dabei innerhalb seines derzeitigen Ziel-Mittel-Rahmens rational und ist zusätzlich mit einer Art Findigkeit (engl. alertness) ausgestattet, die es ihm ermöglicht, seinen gegebenen Ziel-Mittel-Rahmen durch die Entdeckung von Neuem selbst zu verändern (vgl. Kirzner 1978, S. 27, Rese 2000, S. 72). Der spontane Erkenntnisgewinn bekommt damit eine zentrale Bedeutung. Kirzner formuliert es so: „Wo aber innerhalb der engeren Ökonomisierungskonzeption keine Erklärung dafür möglich ist, warum man irgendeinen bestimmten Zweck-Mittel-Rahmen für relevant hält und wodurch er irrelevant werden könnte, werden diese Einsichten durch das weitergefasste Konzept des menschlichen Handelns möglich – in das die Neigung des homo agens eingebaut ist, nach neuen Zielen und bisher unbekannten Ressourcen Ausschau zu halten“ (Kirzner 1978, S. 27).
Der „homo agens“ ist also ein Mensch, ausgestattet mit Gestaltungswillen und immer bestrebt, bestimmte, subjektiv gesetzte Ziele zu erreichen. Sein Zielbewusstsein und die Inhalte der Ziele variieren dabei und sind abhängig von individuellem Wissen, Erfahrungen und Marktumfeld (vgl. Lingen, 1993, S. 172).
Er (der „homo agens“) ist vor allem bestrebt, derzeitige, nicht zufriedenstellende Zustände zu beseitigen. Dabei geht es also primär nicht mehr darum, einen bestehenden Zustand bestmöglich auszunutzen, sondern nach besseren Handlungsalternativen zu suchen, wobei er jedoch nicht davor bewahrt wird, sich bei der Suche nach besseren Handlungsalternativen zu irren. Dieses menschliche Element der Findigkeit kann somit jeden Teilnehmer am Markt zum Unternehmer (vgl. Witt, 1987, S. 74) machen. Das Bild des findigen Marktakteurs, das v. Mises und Kirzner in ihren Arbeiten beschrieben haben, ist für das Verstehen des Problems der Wissensentwicklung im Marktprozess von Bedeutung, denn nur in einer Welt radikal unvollständigen Wissens ist die Fähigkeit, findig zu sein, überhaupt notwendig. Im nächsten Abschnitt soll deshalb Kirzners Unternehmerbild noch einmal genauer betrachtet werden. |