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Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Der Marktprozess - Das unternehmerische Element menschlichen Handelns

Schon v. Mises aber auch Israel Kirzner machten in ihren Schriften vor allem das Element der Findigkeit als den großen Unterschied zum Konzept des reinen Ökonomisierens aus. In der neoklassischen Welt handeln die Akteure „mechanisch“, d.h. sie lösen im übertragenen Sinne bei ihren Entscheidungen nur Rechenaufgaben. Wenn man die Annahme unterstellt, dass der Mensch jedoch das Element der Findigkeit in seiner Natur mit sich führt, so sind seine Entscheidungen nicht mehr nur bloße Rechenaufgaben, die gelöst werden müssen, um eine optimale Entscheidung zu treffen. In der wirklichen Welt ist das menschliche Handeln nicht automatisiert, wie es uns so manche orthodoxe Markttheoretiker vormachen wollen. Sie sind vielmehr getrieben von dem Verlangen, Gelegenheiten aufzuspüren: „Die Entdeckung einer Gewinngelegenheit bedeutet, etwas zu entdecken, was ohne jede Gegenleistung erhältlich ist . Es ist überhaupt keine Investition erforderlich; man entdeckt, daß die freie Zehndollarnote bereits greifbar ist“ (Kirzner 1978, S. 39).

Dadurch wird auch noch einmal der Unterschied zur Informationsökonomik deutlich. Dort geht man ja bereits von dem Vorhandensein von Unwissenheit aus. Unwissenheit wurde in den Reihen der Informationsökonomen aber als rational angesehen, d.h. die fehlenden Informationen können durch gezielte Suche (die wiederum Kosten verursacht) gefunden werden (vgl. Dahlke 2000, S. 86). Dies beschreibt aber nicht unser Element der Findigkeit und hat schon gar nichts mit unternehmerischen Handeln im Sinne der Marktprozesstheorie zu tun, da ja hier davon ausgegangen wird, dass man bereits weiß, wonach man überhaupt suchen soll. Der spontane Erkenntnisgewinn im Kirznerschen Sinne spielt in der Informationsökonomik keine Rolle.

Die Eigenschaft der Findigkeit ist aber die zentrale Eigenschaft eines Unternehmers im marktprozesstheoretischen Sinne. Durch sie wird es möglich, das Aufeinanderfolgen von Entscheidungen im Zeitablauf als eine logische Einheit, als Ergebnisse von Lernprozessen zu sehen. Diese Erkenntnis kann das Konzept des homo oeconomicus nicht liefern, denn es geht von Entscheidungen innerhalb eines Ziel-Mittel-Rahmens aus und berücksichtigt dabei die Entscheidung der Vorperiode nicht.

Dennoch bedeutet Unternehmertum in der Marktprozesstheorie nicht nur, findig zu sein, denn diese Eigenschaft macht einen Menschen nicht automatisch zu einem Unternehmer. Nur wenn die Findigkeit auch mit dem erfolgreichen Abschluss der Transaktion gepaart ist, bringt sie den Marktprozess voran (vgl. Rese 2000, S. 76). Ein Unternehmer spürt also nicht nur neue Gewinngelegenheiten auf, sondern realisiert sie auch am Markt. Die Marktprozesstheorie hat dafür den Begriff des reinen Unternehmers geprägt.

Das sind die zwei Facetten des Unternehmertums wie sie Kirzner beschreibt. Wenn wir uns mit dem Thema Wissensentwicklung in diesem Zusammenhang beschäftigen, müssen wir noch auf eine weitere Eigenschaft von Unternehmer-Produzenten eingehen. Danach muss der Hersteller (Produzent, Verkäufer...) eines Produktes nicht nur im o.g. Sinne handeln, um unternehmerisch tätig zu sein, er muss zudem die Marktgegenseite (also den potentiellen Käufer des Produktes) davon „...befreien, sein eigener Unternehmer zu sein “ (Kirzner 1978, S. 110).

Er muss also, wie Rese (vgl. 2000, S. 77) meint, einen Teil seines Unternehmergewinnes an den Kunden abgeben, indem er ihm die für eine erfolgreiche Durchführung der Transaktion notwendigen Informationen liefert.

Wir erkennen also, dass Unternehmer im Sinne der Marktprozesstheorie keine menschlichen Wesen im üblichen Sinne sind, sondern vielmehr die Verkörperung von Funktionen im Verlauf des Marktprozesses. Dabei sind Rollen, wie Unternehmer, Ressourceneigentümer oder Ökonomisierer, nicht an bestimmte Personen gebunden, vielmehr übernimmt jeder Akteur jede dieser Rollen in bestimmten Ausprägungen und zu einem bestimmten Grade (vgl. Lingen, 1993, S. 180).

Diese Definition des unternehmerischen Denkens und Handelns ist dabei nach Kirzner eine der Grundvoraussetzungen für die Erklärung des Prozesses der Wissensentwicklung innerhalb von Marktprozessen. Würde dieses unternehmerische Element nicht vorhanden sein, gäbe es auch keinen Marktprozess im Sinne der „New-Austrians“, in dem die Veränderungen und Entwicklung des Wissensstandes der Akteure von Bedeutung wäre.

Im Gegensatz zu Kirzner definiert Schumpeter den Unternehmer als eine Art schöpferischen Zerstörer eines Gleichgewichtes, dessen Rolle die eines Innovators ist, „...der im Hinblick auf die Umsetzung der erkannten neuen Produktionsmöglichkeiten, aber auch nur gegenüber diesen, eine gesellschaftliche Führungsfunktion übernimmt“ (Krüsselberg 1993, S. 130).

Ausgehend von verschiedenen Innovationstypen gibt es für Schumpeter fünf Funktionen, die ein Individuum zum Unternehmer werden lassen (vgl. Schumpeter 1952, S. 100f.; Krüsselberg 1993, S. 130f.):

•  Die Herstellung von neuen Produkten oder die gravierende Veränderung bereits bestehender Produkte.

•  Die Einführung von neuen Produktionsmethoden.

•  Das Erschließen von neuen Absatzmärkten.

•  Das Entdecken von neuen Bezugsquellen für Rohstoffe oder Vorprodukte.

•  Die Einführung einer neuen Industriestruktur.

Individuen, welche eine oder mehrere dieser Funktionen erfüllen, sind, so Schumpeter, unternehmerisch tätig. Durch ihre innovative Tätigkeit tritt der Schumpetersche Unternehmer als eine Art schöpferischer Zerstörer vorhandener Strukturen auf und der Markt bewegt sich in Richtung Ungleichgewicht.

Anders als bei Kirzner stehen dabei nicht das Lernen und die Findigkeit im Vordergrund, sondern die Tätigkeit als Innovator (vgl. Innovation und neue Medien 2003, S. 12 f.). Informationsvorsprünge findet er (der Unternehmer) demnach nicht durch das Auffinden und Ausnutzen bislang ungenutzter Gelegenheiten, sondern durch die Entdeckung von gänzlich Neuem.

Dies verdeutlicht den wesentlichen Unterschied zwischen Kirzners und Schumpeters Definition des Unternehmertyps. Während bei Schumpeters Definition die Möglichkeit der Preisarbitrage, also die Entdeckung und Ausnutzung von Preisunterschieden, fehlt, ist diese bei Kirzner ein wesentlicher Bestandteil des unternehmerischen Konzeptes. Auch die Fähigkeit zum Entdecken kleinerer, bislang unausgenutzter Chancen oder Möglichkeiten gewinnt demnach Bedeutung und ist ein Teil des unternehmerischen Handelns (vgl. Kirzner 1979, S. 3ff.). Für beide ist und bleibt jedoch der Unternehmer die treibende Kraft, der durch seine Findigkeit im Entdecken von Koordinationslücken oder von gänzlich Neuem den Marktprozess voran bringt.

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