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Die Wissensentwicklung im Marktprozeß



Der Marktprozess - Zustand vs. Prozess

Wenn man den Begriff „Markt“ untersucht, werden einem in der Literatur sehr viele unterschiedliche Ansichten und Definitionen dazu angeboten. In der Struktur des Marktgleichgewichts-Paradigmas ist der Markt ein (virtueller) Ort, in dem jeder alles weiß. Es herrscht vollständige Information und homogene Erwartung unter den Marktteilnehmern. Es existiert ein Zustand des Gleichgewichts, in dem die Akteure nichts Besseres tun können, als ihre gegebenen Ressourcen effektiv zu kombinieren (vgl. v. Lingen, 1993, S. 70f.). Wenn man in der orthodoxen Sichtweise überhaupt von einer Art Prozess sprechen kann, dann, indem Angebot und Nachfrage den Preis eines Gutes bestimmen. In den Schnittpunkten der Angebots- und Nachfragefunktionen bestehen Gleichgewichte. Jeder unter diesem Gleichgewicht liegende Preis wird sich augenblicklich in Richtung Schnittpunkt der Geraden bewegen, jeder darüberliegende ebenso (vgl. Vanberg 2003, S. 2).

Die österreichische Sicht auf die Rolle des Marktes und dessen Funktionsprinzip ist eine grundlegend andere. Der Marktprozess ist hier die wechselseitige Abfolge von Entscheidungen der Akteure. Ausgegangen wird dabei von den in Abschnitt 2.1 dargestellten Annahmen des Individualismus, des Subjektivismus und der Unterschiedlichkeit der Marktteilnehmer. Daraus ergeben sich dann die verschiedenen Ansichten, Wertvorstellungen und Bedürfnisse, aber auch die verschiedenen Wissensstände der Individuen am Markt. Vor diesem Hintergrund treffen sie Entscheidungen und führen ihre Pläne aus. So entscheidet sich z.B. jemand, ein bestimmtes Produkt bei einem bestimmten Anbieter zu kaufen oder auch nicht zu kaufen. Mit seinem individuellen Wissen, seinen subjektiven Bedürfnissen und Wünschen sowie seinem Können handelt er für sich gesehen, rational. Es ist aber nicht gesagt, dass seine Entscheidung deshalb auch objektiv rational ist. Ganz im Gegenteil, die Entscheidung kann auch gänzlich unvorteilhaft für den Akteur sein, er weiß es nur eben nicht besser. Kirzner bemerkt dazu: „..Unkenntnis über die tatsächlichen Entscheidungen anderer kann Entscheidungsträger veranlassen, unvorteilhafte Pläne aufzustellen – Pläne, die entweder zum Mißlingen verurteilt oder zur Ausnutzung vorhandener Marktchancen ungeeignet sind“ (Kirzner 1978, S. 8).

Das Ergebnis seiner Entscheidung kann der Akteur dann nach dem Ausführen seines Planes in der nächsten Periode feststellen. Denkbar sind dabei die folgenden Ergebnisse des Marktprozesses aus der Sicht des Käufers (3):

•  Entweder die Transaktion kommt nicht zustande, da entweder der potentielle Käufer zuwenig geboten hat, oder der potentielle Verkäufer zuviel für sein Produkt verlangt hat.

•  Die Transaktion kommt zustande. Hier könnte man nun wiederum zwei mögliche Fälle unterscheiden. Entweder (a), der Käufer hat gekauft und nicht zuviel gezahlt, bzw. (b), der Anbieter hat verkauft, aber zu wenig erhalten. Oder der Käufer hat (c) gekauft und zu viel gezahlt, bzw. (d), der Anbieter hat verkauft und nicht zu wenig erhalten.

Kirzner hat die Fälle (1), (2b) und (2c) dabei als Koordinationsfehler bezeichnet. Im ersten Fall hat der Kunde nicht erkannt, dass er hätte mehr bieten müssen, um die Transaktion erfolgreich durchzuführen, in den anderen beiden Fällen hat er statt dessen nicht erkannt, dass er die Transaktion auch zu (wesentlich) niedrigeren Kosten hätte durchführen können (vgl. Kirzner, 1978, S. 11). Erst der Marktprozess führt dazu, dass die Akteure aus diesen Fehlern lernen und sie bei der nächsten Entscheidungsfindung mit berücksichtigen.

Wir sehen hier, wie wichtig der Aspekt des Wissens und der Veränderung des Wissensstandes für das Funktionieren von Märkten ist. Dabei erhält nicht nur, wie in unserem Beispiel, der Käufer neues Wissen, auch der Verkäufer erhält auf diesem Wege Informationen und kann wiederum aus seinen Fehlern lernen. Dieser Kreislauf ist es, der den Marktprozess in österreichischen Sinne ausmacht. Würden die Akteure nicht fortwährend aus der Vergangenheit (und damit meine ich aus den vorangegangenen Transaktionen) lernen, würde der Prozess der hier als Marktprozess bezeichnet wird, zum Erliegen kommen.

(3) In Anlehnung an Rese 2000, Grafik S. 74 Marktakteure Käufer und Anbieter.

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